Täterschutz Statement August

Triggerwarnung
Hallo Genoss*innen,
im Folgenden werden wir uns zu der Mail „Informationen über Täter in Antifa Aufbau“ des
Antifa AK äußern. Zu Beginn möchten wir klar stellen, dass dieser Text, in dem wir uns zu der
vorhergegangen Mail äußern, nicht der letzte sein wird. Die Auseinandersetzung mit dem Fehlverhalten unsererseits sehen wir als einen Prozess an, der uns in der kommenden Zeit weiterhin enorm beschäftigen wird.
Am 24.06 gab es ein Treffen zwischen der Betroffenen, dem Täter und zwei prozessbegleitenden
Genoss*innen, die kein Teil unserer Struktur sind. Eine der beiden prozessbegleitenden Personen
gehört aber eindeutig zu unserem Umfeld. Der Täter hat bei diesem Treffen mit der Betroffenen die
Auflage bekommen, sich für zunächst 2 Monate von öffentlichen, linken Räumen fernzuhalten.
Diese Auflage hat er unserer Struktur in einem regelmäßig stattfindenden Treffen, welches den Zweck erfüllen soll patriarchales Verhalten zu reflektieren, und im Plenum genannt. Ein wesentliches Problem in der Aufarbeitung des übergriffigen Verhaltens war, dass der Täter immer seine eigene Perspektive in den Vordergrund gestellt hat. Dabei ging es vor allem um seine Angst nicht mehr politisch aktiv sein zu können. Wir haben ihn bei einigen Anlässen vehement dafür kritisiert, dass er seine Ängste an oberste Stelle setzte, während er über die Bedürfnisse der Betroffenen kaum sprach. An dieser Stelle möchten wir klar stellen, dass wir die Auflagen der Betroffenen verstehen und für sinnvoll und richtig halten. Am 10.07, also wenige Tage nach dem der Täter die Auflagen erhielt, ging er, in einer von ihm initiierten Aktion zum Autonomen Zentrum, um dort zu sprühen. Da dies nicht die erste Verletzung der Auflagen der Betroffenen war, folgte darauf die Mail „Informationen über Täter in Antifa Aufbau“ ca. 1 Monat später, am 11.08.2021. Für uns ist es wichtig zu nennen, dass es sich bei dem Sprühen beim Autonomen Zentrum nicht um eine Aktion des Antifaschistischen Aufbau handelte. Dennoch müssen wir sagen, dass an diesem Tag unserer Kenntnis nach 3 Genoss*innen vom Antifaschistischen Aufbau dabei waren. Die Ursachen dafür, dass unsere Genoss*innen die Grenzüberschreitung des Täters nicht verhindert haben, müssen wir auf der einen Seite im Verhalten der einzelnen Genoss*innen, auf der anderen Seite in strukturellen Fehlern unserer Organisation suchen. Zu Beginn unserer Auseinandersetzung möchten wir euch darüber in Kenntnis setzten, dass der Täter ab dem 24.06.2021 weder im Hintergrund, noch in der öffentlich wahrnehmbaren Praxis politisch mitgearbeitet hat. Am 13.08.2021 haben wir die Entscheidung getroffen, ihn aus unserer Struktur endgültig auszuschließen. Der Täter wird in Zukunft nicht mehr im Antifaschistischen Aufbau arbeiten dürfen. Sobald wir mitbekommen, dass er auf andere Strukturen zu geht, um sich dort zu organisieren, werden wir Kontakt zu diesen Strukturen aufnehmen und ihnen das Verhalten des Täters ausführlich erklären. Zwar haben wir den Täter ausgeschlossen, unsere Struktur hält es dennoch für wichtig den Täter nicht aus seiner Pflicht zu entlassen den Prozess weiter zu führen. Das bedeutet, dass wir als Struktur weiterhin im Kontakt mit ihm sind, um ihn dazu aufzufordern sich weiter mit dem Prozess zu beschäftigen, und diesen zu kontrollieren.
Aus unserer Perspektive haben wir einige Fehler gemacht, die wir nun selbstkritisch erläutern wollen:
1. Der Prozess wurde individualisiert geführt. Der Täter ist in den letzten 3 Jahren, in denen der
Prozess geführt wurde, immer wieder zu einzelne Genoss*innen gegangen, zum Teil aus unserer
Struktur, zum Teil aus anderen Strukturen, und hat sich mit ihnen zusammen mit den Geschehnissen
beschäftigt. Erst ab dem 24.06 wurde der Prozess auf eine, zumindest teilweise, strukturelle Ebene
gehoben, dennoch konnten die Ergebnisse und Erfahrung innerhalb des Prozesses durch
dieindividualisierte Prozessführung nicht kollektiviert werden. Es gab zu keinem Zeitpunkt einen
strukturellen Austausch bei uns oder mit anderen Gruppen darüber, wie der Prozess aussehen soll.
2. Unsere Struktur hat es nicht geschafft den Prozess und den Kenntnisstand über den Prozess zu
kollektivieren. Weder wussten alle Genoss*innen von Anfang an von dem Prozess noch hatten alle den gleichen Kenntnisstand. Das liegt unter Anderem daran, dass sowohl der Täter, als auch dieGenoss*innen, die vom Prozess wussten, ihre Informationen nicht konsequent weitergegeben
haben.Ein hohes Maß der Schuld an diesem Problem tragen allerdings auch alle anderen mehr oder
weniger informierten Genoss*innen aus unserer Gruppe, die Informationen und Ergebnisse im Prozess nicht eingefordert haben.
3. Wir sind zu keinem Zeitpunkt der Auseinandersetzung auf die Betroffene zu gegangen. Das hat
dazu geführt, dass wir die Informationen über den Stand des Prozesses nur von dem Täter bekommen
haben. Das darf niemals passieren. Um die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen umsetzen zu
können, hätten wir diese aus erster Hand in Erfahrung bringen müssen. Dies lag in der Verantwortung unserer Struktur und dieser Verantwortung sind wir nicht gerecht geworden, was ein massiven Fehler darstellt.
4. Die von unserer Struktur geschaffenen Organe haben versagt. Wir haben uns in dem Prozess der
Zusammenlegung Institutionen geschaffen, die im Falle eines Übergriffes die Wünsche und
Bedürfnisse der Betroffenen an den Täter weitergeben können und die ersten Schritte einer
antipatriarchalen Auseinandersetzung einleiten. Das diese Strukturorgane versagt haben ist Produkt der oben genannten Fehler. Diese Organe können nur dann funktionieren, wenn das Wissen über den
Prozess kollektiviert ist. Uns ist bewusst, dass wir damit nicht alle Fehler abgedeckt haben. Wir wollen uns deshalb weiterhin mit dem Prozess auseinandersetzen, um die Fehler, die wir noch nicht erkannt haben zu analysieren und zu reflektieren. Für uns ist es wichtig, dass wir alle Fehler, die wir in diesem Prozess gemacht haben, aufarbeiten, um zu verhindern, dass diese erneut vorkommen. Unser Ziel ist es Strukturen zu schaffen, die nicht nur im Falle eines Übergriffes schnell und sinnvoll zu handeln, sondern auch Präventivmaßnahmen zu schaffen, die dafür sorgen, dass patriarchale Kultur und Übergriffigkeit konsequent und im vorhinein bekämpft werden.
Wir werden uns in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten und Jahren intensiv mit der Thematik der
Übergriffigkeit und den von uns gemachten strukturellen Fehlern auseinandersetzen. Wir übernehmen
die volle Verantwortung für unser Versagen und hoffen durch eine selbstkritische Aufarbeitung in
Zukunft angemessen auf patriarchale Übergriffe reagieren zu können.

Dieser Text ist der bisherige Stand unserer Auseinandersetzung mit der Thematik.

Er wurde vom gesamten Antifaschistischen Aufbau Köln/Brühl erarbeitet (August, 2021)