Täterschutz Statement Dezember

Liebe Freund:innen und Genoss:innen,
Mit dieser Statement wollen wir auf der einen Seite erneut zum Vorwurf des Täterschutzes Position
beziehen und auf der anderen Seite den aktuellen Stand unserer Aufarbeitung von patriarchalen
Strukturen in unserem Umfeld transparent machen. Wir haben das Ziel unseren Prozess und unsere
Aufarbeitung kritisier -und kontrollierbar zu machen und sind offen für Kritik und Anregungen.
Unsere Definition von Täterschutz, auf der unsere Fehleranalyse größtenteils beruht:
Bewusster Täterschutz kann erst beginnen, sobald bekannt ist (privat sowie strukturell), dass eine
Person ein Täter ist. Sollte es der Wunsch der Betroffenen sein, muss der Täter in der gesamten
Struktur transparent und öffentlich als ein solcher benannt werden, alles anderes ist Verschleierung und schützt dadurch den Täter.
Wir unterscheiden zwischen aktivem und passivem Täterschutz.
Unter aktivem Täterschutz verstehen wir das Relativieren und Ignorieren von bekannten Taten, das
Ignorieren von aufgetragenen Konsequenzen, sowie Handlungen der Struktur, die dem Täter in einem patriarchalen Sinne zu Gute kommen. Außerdem zählt unserer Meinung nach die Definitionsmacht der Betroffenen nicht anzuerkennen und nicht parteilich ihr gegenüber zu sein dazu.
Unter passivem Täterschutz verstehen wir vor allem ein Nicht-Verhalten. Das zeigt sich in fehlenden
Konsequenzen, fehlender Reflektion und fehlender Kontrolle des Täters und seinem Handeln. Dazu
zählt unserer Meinung nach auch sich ausschließlich von dem Täter zu distanzieren, keine Gespräche
mit ihm zu führen und keine Verantwortung für die kollektive Aufarbeitung und für sein Handeln zu
übernehmen. Das „Nicht-Verhalten“ von Einzelpersonen und der gesamten Struktur ist passiver
Täterschutz. Das Herumreichen und die unklare Verteilung von Verantwortlichkeiten fällt ebenfalls
darunter. Unsere Ausdifferenzierung von Täterschutz zwischen aktiv und passiv ist wichtig für unsere
Fehleranalyse und unsere weitere Auseinandersetzung, dennoch macht es für die betroffene Person
keinen Unterschied, solange man ihre Definitionsmacht und Auflagen missachtet. Täterschutz bleibt
Täterschutz, egal ob er passiv oder aktiv geschieht. Wir haben in unserem vorangegangen Statement die Abläufe innerhalb unserer Strukturen geschildert. Aus unserer Sicht sind diese die wesentlichsten Punkte:
1. Innerhalb unserer Struktur wurde der Kenntnisstand des Prozesses nicht kollektiviert, es wurde
keine allgemeine Diskussion geführt. Das heißt, nicht alle wussten von dem Übergriff und unter
denen die Bescheid wussten gab es große Wissenshierarchien und keine klaren
Verantwortlichkeiten.
2. Wir haben uns in allen Situationen, in denen der Prozess in unseren Vorläufer-Strukturen
(konkret sind hier die Antifaschistische Aktion Sülz und das Kollektiv Edelweiß gemeint) zur
Sprache kam, auf die Aussagen des Täters verlassen und nie den Kontakt zur Betroffenen
gesucht.
3. Die bei uns intern zu patriarchalem Verhalten arbeitenden Strukturen haben versagt und sind
ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. Zusätzlich gab es keine kollektive Auseinandersetzung
mit der Thematik.
4. Es wurde kein Kontakt zur Betroffenen gesucht und nicht nach unseren Prinzipien der
Definitionsmacht und der Parteilichkeit gehandelt.
5. Die Prioritäten in unserer Struktur wurden komplett falsch gesetzt und lagen zu dem Zeitpunkt
auf der Praxis.
Zusammenfassend kann man sagen, dass wir als Struktur in vielen Momenten Täterschutz betrieben
haben. Einer der Grundlegenden Fehler ist, dass wir dem Täter eine sozialen Raum gegeben haben indem er sich frei politisch organisieren konnte. Als er der Struktur von dem Prozess erzählt hatte, wurde ihm aufgrund von Hierarchien, Glauben und Vertrauen entgegengebracht, dass er sich an die
ausgemachten Regeln halte und, dass der Prozess nicht strukturell geführt werden solle. Das haben wir nie hinterfragt und uns nie an die Betroffene oder ihre Struktur gewendet um seine Aussagen zu
hinterfragen. Unsere strukturellen Instrumente für die Aufarbeitung von patriarchalem Handeln haben
zu dem Zeitpunkt nicht funktioniert und hinzu gab es bei uns in der Struktur keine Sensibilisierung für das Thema. Aufgrund der fehlenden Sensibilisierung hat niemand bei der Zusammenlegung darauf aufmerksam gemacht, dass ein Täter mit einem offenen Prozess im Raum sitzt.
Wir schützten den Täter als Struktur, in dem wir keine Konsequenzen aus der Tat zogen, wir uns nicht mit Übergriffen auseinandersetzten, diesen nicht thematisierten und aufarbeiteten und häufig gar nicht erst wussten, dass wir Täter in der Struktur haben. Dadurch haben wir eine Kultur geschaffen, in der nicht darüber geredet wurde.
Wir müssen also festhalten, dass sich unsere Struktur und die einzelnen Mitglieder nicht bewusst zum
Prozess verhalten haben. Gerade dieses “Nicht-Verhalten” hat ein Umfeld geschaffen, in dem sich der
Täter frei von Konsequenzen und Kontrolle bewegen konnte.
Besonders auffällig daran ist, dass wir während der Gründung unserer aktuellen Struktur eine bewusste Auseinandersetzung mit patriarchalem Verhalten und möglichen Antworten darauf gefordert haben aber keine Konsequenzen für aktuelle Mitglieder eingeführt haben. Die geschaffenen Strukturen haben versagt und die Organisation an ihrer Kultur festgehalten. Das hat sich erst geändert, als unsere Struktur keine andere Wahl hatte, außer sich mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen. Dieses Verhalten ist fatal und darf in dieser Form nie wieder vorkommen.
Der Ausschluss des Täters aus unserer Struktur erfolgte, weil er sich über ihm bekannten Auflagen der Betroffenen (die auch an unsere Struktur kommuniziert wurden) hinwegsetzte. Die Entscheidung den Täter auszuschließen, erschwert die Möglichkeiten der sozialen und politischen Kontrolle, der
Einbindung in kollektive Reflektion, Bildung und feministische Praxis, dennoch halten wir diesen
Schritt für sinnvoll und unumgänglich um eine Distanz zu ihm zu schaffen und die Prozessführung und Aufarbeitung auf eine professionellere Ebene zu heben.
Ein Ausschluss aus den Strukturen ist für uns das letzte Mittel in einem gescheiterten Prozess. Die
Tatsache, dass sich der von politischer Arbeit ausgeschlossene Täter in ein neues (unpolitisches)
soziales Umfeld zurückziehen kann, stellt uns vor die Aufgabe ein Konzept zu entwickeln, mit dem
Täter zu arbeiten, sein Verhalten zu beobachten, zu kritisieren und nachhaltige Konsequenzen für sein
Verhalten zu ziehen. Dieses Konzept wurde entwickelt und es wird mit dem Täter gearbeitet.
Wir sind uns im Klaren darüber, dass wir als Struktur Täterschutz betrieben haben und tragen auch die notwendigen Konsequenzen für unser Fehlverhalten. Uns ist bewusst, dass wir den Fokus klar auf Aufarbeitung, Reflektion und Bildung zu patriarchalem Verhalten, konkret in unserem Fall sowie auf einer allgemeineren Ebene legen müssen.
Wir setzten uns mit der ganzen Struktur weiterhin mit dem Thema auseinander und arbeiten aktiv daran den Prozess aufzuarbeiten, unsere Fehler zu analysieren und schaffen einen Raum um präventiv handeln zu können. Wir haben Instrumente geschaffen, die sich mit präventiver Arbeit
auseinandersetzen, sich mit einer kollektiven Reflektion zu patriarchalem Handeln beschäftigen und
mit dem Täter arbeiten. Dies sind nur die ersten Schritte einem langen Prozess, den wir konsequent führen werden. Bei Fragen, Kritik und sonstigem Gesprächsbedarf meldet euch bitte bei uns.

Antifaschistischer Aufbau Köln/Brühl
Dezember 2021